Bei den 650 KollegInnen der Firma Zeiss in Göttingen wächst die Sorge um die Arbeitsplätze. Umsatz und Gewinn der Carl Zeiss AG sind zwar insgesamt deutlich gestiegen, allerdings unterschiedlich hoch in den einzelnen Bereichen. Die Carl Zeiss AG ist in sechs Bereiche aufgeteilt und vor allem die Bereiche Vision Care (Brillen und sonstige Augenoptik) und Microscopy (Mikroskopie) erfüllten nicht die Erwartungen und Planungen der Geschäftsführung und der Aktionäre. Da hilft auch nicht, dass die Carl Zeiss AG einer Stiftung gehört, in der oft betont wird, dass die MitarbeiterInnen das höchste Gut sind – aber man unterliege eben auch dem Wettbewerb... Wir kennen diese Töne.

Im letzten Jahr hat nun der Vorstand die berüchtigte Unternehmensberatung McKinsey beauftragt, vor allem in der Microscopy GmbH Analysen und Vorschläge zur Kostensenkung und Ertragserweiterung zu erarbeiten. Das Ergebnis ist u. a., dass 300 Beschäftigte „abgebaut" werden sollen. 150 in ausländischen Standorten, 150 in Deutschland. Der Großteil des Abbaus betrifft die Standorte Oberkochen und Göttingen. Es sollen 74 in Göttingen werden. Das wäre dann tatsächlich jeder achte Arbeitsplatz.
Teilweise ist der Komponentenbau für die Hochleistungsmikroskope schon nach China verlegt worden. Das Gesamtziel ist, in den nächsten 3 Jahren einen 3stelligen Millionenbetrag einzusparen. Drei Viertel davon durch Einsparungen bei den Material- und Sachkosten und der Auftragsabwicklung und ein Viertel durch die Entlassung von 300 Beschäftigten (so äußerte sich Dr. Ulrich Simon, Leiter des Unternehmensbereiches Microscopy im letzten Jahr).


Neuer Vorstand...

Im Intranet haben wütende KollegInnen zwar schon des Öfteren vorgeschlagen, die „Häuptlinge" an Stelle der „Indianer" zu entlassen. Aber so wie der Wechsel in der Mikroskopiesparte erfolgte, haben sie sich das sicher nicht vorgestellt, denn der ehemalige Mikroskopievorstand Ulrich Simon und der bisherige Konzernvorstand für den Bereich Forschung haben lediglich die Stühle getauscht. Vielleicht verhindert in Zukunft eine Frauenquote diese Form von Inzucht, denn bisher sind nur Männer im Zeiss-Vorstand.
Betriebsräte und die IG Metall geben dem Management die Hauptschuld an der aktuellen Situation. Standortbetriebsräte schlagen im Gegensatz zum Management vor, auf Entlassungen zu verzichten und stattdessen die Wochenarbeitszeit im Rahmen einer existierenden Kapazitätsvereinbarung zu reduzieren.


Seit Juli 2014 läuft diese Diskussion. Auf Leitungsebene spielt sich das Ganze im Zuge einer 4jährigen „Carl-Zeiss-Agenda 2016" ab. In diesem Rahmen gibt es dann auch einen Namen für das gesamte Sparprojekt: Kostensparprojekt COMPETE (auf Deutsch: KÄMPFE). Wie hart der Kampf ist, lässt sich an dem Vorschlag von McKinsey zur Entlassung von 300 KollegInnen ablesen. Diesbezüglich wurden die Betriebsräte von der Geschäftsführung zu Stillschweigen verpflichtet. Allerdings wollten die Betriebsräte anscheinend auch nicht einer Angstpolitik Vorschub leisten, ohne dass klar war, worum es der Geschäftsleitung wirklich ging. An vielen Standorten fanden im November 2014 Betriebsversammlungen statt. Dabei sind etliche Informationen denn doch bekannt geworden. Im Intranet von Zeiss begann daraufhin Ende letzten Jahres eine Diskussion, in der viele ihrer Angst und ihrem Ärger Ausdruck verliehen.
Der Vorstand sprach in einem Interview in der betriebseigenen Zeitschrift ZIB (Zeiss im Bild) von einer unruhigen See, durch die Zeiss schippern muss. Er war sich aber sicher, dass sie heil an ihren Zielorten ankommen werden. Okay, wenn dabei 300 Männer/Frauen über Bord gehen, fällt das Manövrieren vielleicht leichter.


Es bleiben viele Fragen offen. So wurde z. B. vom Vorstand betont, dass es keine betriebsbedingten Entlassungen geben soll. Stattdessen soll was passieren? Gibt es inzwischen konkretere Informationen an den verschiedenen Standorten? Welche Gegenmaßnahmen planen IG Metall und Betriebsräte, um Entlassungen zu vermeiden? Wir werden die Entwicklung verfolgen und berichten.